Yin Yoga - was ist das eigentlich?

 

“Ich kann kein Yoga!” “Ich bin nicht sportlich!” “Bewegung und Anstrengung ist nicht so meins!” “Ich hab keine Zeit, ich hab so viel zu tun.” “Diese Verrenkungen sind mir viel zu krass.” Sätze, die ich oft höre, wenn ich erzähle, was ich mit meiner Yogalehrerausbildung jetzt so mache. Wenn ich dann antworte: “Dann bist Du beim Yin genau richtig”, denken alle, das wäre wieder so ein ironischer Carola-Kommentar. In diesem Fall ist das jedoch überhaupt nicht so, denn Yin Yoga hat nichts mit diesen leicht bekleideten, wohlgeformten, akrobatischen Instagrammern zu tun, die auf den Unterarmen balancieren während sie sich mit einem Fuß durch die Haare wuscheln. Es geht nicht um Training und Anspannung. Es geht um Loslassen und Entspannung. Ich gehe nach wie vor so weit, dass ich jedem das Geld zurück erstatte, der in meiner Yin Klasse schwitzt. Aber von vorn- oder von außen nach (y)innen ;)


 

Was brauchst Du fürs Yin Yoga? 


 

Im Studio ist alles vorhanden. Falls Du aber lieber zu Hause online praktizieren möchtest, brauchst Du neben einer stabilen Internetverbindung definitiv folgendes: 

Du benötigst eine Unterlage, die Dich warm hält. Es muss keine Yoga Matte sein, eine Decke auf einem Teppich reicht vollkommen aus. Leggings und Sportbustier? In den Tropen vielleicht. In unseren Breitengraden empfehle ich Dir eine Jogginghose. Leggings sind ok, aber die aus Baumwolle. Und Socken. Dicke Socken, damit die Füße schön warm bleiben, damit Du gut entspannen kannst. Obenrum bist Du am Besten beraten, wenn Du einen Pulli aus Wolle oder Jersey in den kälteren Monaten und im Sommer das Longsleeve oder Jäckchen griffbereit hast. Denn - ich kann es nur wieder und wieder betonen - Du wirst nicht ins Schwitzen geraten. Yin Step one: Sorge für Dich und sorge dafür, dass Du warm bleibst. Nur wenn Dir warm ist, kannst Du tief entspannen!

Zusätzlich brauchst Du ganz dringend noch eine Decke. Damit kannst Du Dich nicht nur beim Savasana zudecken, du kannst sie auch während der Asanas, also während den einzelnen Haltungen als Unterstützung und Polster nutzen. Klingt flauschig? Ist es auch. Hilfreich sind Yoga-Blöcke, die Du auch einfach mit zwei dicken Büchern ersetzen kannst. Sicher kannst Du auch einen Yogagurt besorgen, allerdings tut es ein normaler Gürtel oder - besser - ein Bademantelgürtel definitiv auch.  Ein Bolster gehört zur Yin-Yoga-Luxus Ausstattung und es wird nicht unbedingt benötigt, allerdings ist es very nice to have, leider sind die Preise sehr stolz, wenn man Wert auf Qualität legt. Du kannst mit zwei fest zusammengerollten Decken oder großen Saunahandtüchern improvisieren (Youtubetutorial folgt).


Das wars? Ja. Das wars.


 

Was macht man beim Yin Yoga?


 

Die meisten Übungen finden im Liegen oder Sitzen statt, denn es geht in erster Linie um Entspannung, also die muskuläre Entspannung. Je nach Muskelpartie benötigen Deine Muskeln zwischen 3 und 5 Minuten, damit sie wirklich entspannen, also  loslassen können. Je nach Asana dehnst Du einen Muskel, der sich in der Dehnung entspannt. Dadurch lockerst Du Dein Fasziengewebe. Faszien sind die Gewebsschicht, die sich über dem Muskel befindet und sich in Strängen durch Deinen Körper ziehen. Je älter Du wirst und je monotoner Dein alltäglicher Bewegungsablauf ist, desto mehr verkleben diese Faszien im Laufe der Zeit und Dein Körper wird immer starrer. Yin Yoga hilft, die Faszien geschmeidig zu halten.

Praktisch hast Du das Gefühl, zunächst unendlich lange - die Unendlichkeit ist in diesem Kontext auf 3 - 8 Minuten begrenzt, wobei 8 Minuten sehr fortgeschritten sind -  in einer merkwürdigen, vielleicht unbequemen, aber einfachen Position zu verharren. Aber nach jeder Yin-Session wirst Du aus dem Savasana aufstehen und Dich irgendwie freier fühlen. Versprochen!


 

 Kann ich mich beim Yin Yoga verletzen?


 

Ja, kannst Du. Wenn Du zu ehrgeizig bist und die Grenzen Deines Körpers nicht achtest und zu tief in die Haltungen gehst, obwohl Dein Körper Dich blockt. Dann kannst Du Dich überdehnen. Zudem besteht die Gefahr, Dich ernsthaft zu verletzen, wenn du schnell oder ruckartig aus den Haltungen kommst. Daher ist das Motto in jedem Fall: Sei vorsichtig, achte gut auf Dich und Deine Grenzen und mach mal gaaanz langsam.


 

Wie wirkt Yin Yoga? 


 

Im Yin Yoga geht es um die Aktivierung Deines Parasympathikus. Meist verbringen wir unsere Wachphase im sympathischen Modus, das bedeutet, wir sind sehr fokussiert, haben tausend Dinge im Kopf und sind stets bereit, den Angriff des Säbelzahntigers abzuwehren - immer noch. Nach all den Jahrhunderten. Der Parasympathikus ist unser Entspannungsmodus, also der Modus, den der reguläre 2022 Mensch von kurz vor dem Einschlafen kennt. Der Moment, in dem alles gut und alles getan ist. Der Moment, in dem wir ganz sicher sind, dass kein Säbelzahntiger oder eine ähnliche Katastrophe kommt. Der Moment, in dem Du einfach sein darfst. So wie und was Du bist. Jetzt. In diesem Moment. Falls Du der “kritische Leser” bist, der sich grad fragt, ob es um Achtsamkeit geht… Ja. Du hast recht. Es geht um das Beachten von Dir und Deinem Körper in dem jeweiligen Moment. Nothing else matters. Für diese Zeit, in der Deine Yin-Einheit stattfindet. 


 

Was ist der Nutzen von Yin Yoga?


 

An dieser Stelle möchte ich mich kurz fassen und Dir in Stichpunkten antworten: 


 

  • Entspannung
  • Ruhe
  • Fokus
  • Beweglichkeit
  • Schmerzreduktion

Außerdem wirkt Yin Yoga entzündungshemmend und regenerierend.


 

Dann ist Yin Yoga also voll langweilig oder gibts da eine Challenge? 


 

Oh ja, es gibt eine Challenge. Aber diese ist nur bedingt körperlich. Die Haltungen sind einfach. Du musst Dir also keine Sorgen machen, dass Du irgendetwas nicht kannst. Aber Du musst Dich damit abfinden, dass Dich während der Yin-Sequenz keiner sehen wird, außer der von Dir gewählte Lehrer, denn alle Teilnehmer der Stunde werden weitestgehend mit geschlossenen Augen praktizieren, da eine Yin Yoga Stunde eine Reise nach innen ist. In Wahrheit geht es nur um Dich und Deine Wahrnehmung Deines Körpers. Weißt Du eigentlich, wie lange fünf Minuten sind, wenn Du kein Smartphone hast, das Dich entertained? Fünf Minuten, in denen keiner mit Dir spricht, nichts von Dir will und Du einfach nur sein sollst? Was, wenn Deine Hüften heute nicht sehr offen sind und das Knie in der Haltung partout nicht gen Boden will? Was passiert, wenn Dein Lehrer aufhört zu sprechen? Gibt es Musik? Wenigstens ein wenig Halt für Dein Monkey Mind? Was, wenn Deine To do Liste total voll ist und Du liegst einfach nur in dieser schrägen Haltung? Kann man eine Yogastunde einfach verlassen? 


Du merkst: Dein Hirn ist die Challenge, Baby! Aber nicht nur… Dein Körper merkt sich alles. In jeder Faser befinden sich Erinnerungen. Wenn es keine guten sind, funktionieren Körper und Bewusstsein wie eine Schatzkiste. Sie verschließen sich und halten das Trauma in Deinen Zellen fest verschlossen. Damit Du weiter funktionieren kannst und Dein Leben leben kannst. Das Schloss lockert sich erst, wenn Dein Bewusstsein bereit dazu ist.  Wenn Du Dich nun entschließt, Yin Yoga zu praktizieren und dieser Praxis ein wenig länger folgst, könnte diese Praxis, so sanft und nice sie auch daher kommt, ein Brecheisen sein und das Schloss dieser Schatzkiste aufbiegen, was dazu führt, dass Gefühle oder Bilder - scheinbar aus dem Nichts -  hochkommen, die Du nicht zuordnen kannst. Und was sind die Worte Deines Lehrers? “ Sollten irgendwelche Gefühle kommen, mit denen Du nicht rechnest, bleib in der Position und sei der Beobachter. Beobachte, was mit Dir in Dir passiert. Beobachte, wie es kommt, sieh hin, was passiert und beobachte, wie es wieder geht. Nimm es an, ohne es zu bewerten” Das ist die Praxis und die Übung sowie die Erkenntnis: Es geht wieder. Genau dahin, woher es gekommen es. Entweder ins Nirwana oder ins Archiv. Im Nirwana landen temporäre Dinge: Ungeduld, Einkaufslisten etc. Im Archiv landen Deine Schatten. Dinge, die Du verbannt hast, mit denen Du aber noch nicht fertig bist. Du verbringst unter Umständen viel Zeit damit zu beobachten, wie z.B. Deine Ungeduld kommt, sich aufbäumt, und dann - weil sie nichts machen kann solange Du entschlossen bist in diesem Twist liegen zu bleiben - einfach wieder geht. Du beobachtest das einmal, dreimal, zehnmal. It’s very challenging. Glaub mir oder besser: Check it out. 


 Was das bringt? Ich erkläre es Dir an einem Beispiel aus meinem Alltag:


 Du gehst ins Büro. Deine Kollegin hat schlechte Laune. Du beobachtest den ersten verbalen Hit, den zweiten. Anstatt sie mit dem Tacker zu bewerfen, achtest Du auf ihre Atmung. Sie verweilt in der Brust. Du gehst nicht in die Reaktion. Du hörst zu. Sie merkt es. Sie versucht es erneut, einen Sparring Partner zu finden. Du beobachtest. Lässt den Locher liegen. Spürst, wie sich ihr Worte anfühlen. Du kannst ruhig bleiben, weil Du in der Beobachter- Rolle bleiben kannst und Mitgefühl entwickelst. Du kannst den Groll wahrnehmen, der absolut nichts mit Dir zu tun hat. Du weisst das. Und bleibst. In Deiner Position. Ihr Groll löst sich auf. Verändert sich. Vielleicht in verwandelt er sich in Schweigen. Du weisst, dass Du Zeit hast und das später klären kannst. Vielleicht wird ein Gespräch daraus. Es kann geklärt werden, welches Problem hinter dem Verhalten steht. In Ruhe. Sachlich. Der Groll geht. Du und die Kollegin sind noch da. 

Es ist, wie in eben diesem jenen Twist. 

 

Das ist es, was ich meine, wenn ich sage “the only way out ist (y)in.” Warum bekommst Du schlechte Laune, wenn es auf einmal anfängt zu regnen? Wenn der Fahrer des Fahrzeugs vor Dir 40 fährt, obwohl 60 erlaubt sind? Der Regen hat damit nichts zu tun. Der Autofahrer auch nicht. Deine Laune hat nur mit Dir zu tun. Wenn Du das erkennst und vielleicht sogar herausfindest, was genau Dich an der Situation enttäuscht oder verärgert, hast Du schon ziemlich viel gewonnen. 


Oder, um Surinder Singh zu zitieren: Mir Deiner Yoga Praxis, wirst Du die Wogen des Meeres nicht glätten. Aber definitiv wirst Du lernen, die Wellen besser zu reiten.


 

Grenzen- was kann Yin Yoga nicht? 


 

Yoga ist ein Weg der zu Heilung führt. Allerdings ist Yoga oder ein Yogalehrer kein Psychotherapeut. Wenn Du schwer traumatisiert bist oder an einer psychischen Erkrankung leidest, kann Yoga im Allgemeinen und Yin Yoga im speziellen weder einen Arzt noch eine Therapie ersetzen, auch, wenn es sich anfangs so anfühlen mag. Ein Psychotherapeut ermöglicht es Dir, Dein Leben auf der kognitiven Ebene auf die Reihe zu bekommen, was in Krisen und im Alltag durchaus wertvoll und sinnvoll ist. Der Yogalehrer ist dazu da, damit Du zurück findest in Deinen Körper mit all seinen Emotionen, Träumen und Fähigkeiten - auch wenn Du vielleicht der unsportlichste Mensch der Welt bist. 

  Allerdings ist es eine hervorragende Ergänzung zum vielen Denken und Analysieren, die Dich darin unterstützt, Dein Leben in seiner Fülle mit all seinen Möglichkeiten  leben und erfahren zu können.

 

Zusammenfassung


 

Auf der körperlichen Ebene schenkt Dir eine regelmäßige Yin Yoga Praxis Beweglichkeit. Durch die Aktivierung des Parasympathikus erlaubst Du Deinem Körper, die Cortisolproduktion vorübergehend einzustellen, was die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung erklärt. Vieles braucht Ruhephasen um zu heilen und zwar nicht nur körperliche Ruhe mit Netflix auf dem Sofa - wobei auch dies seine Berechtigung hat. Es braucht auch eine gewisse innere Ruhe und Gelassenheit. Dies trainierst Du in Deiner Yin Praxis. Du übst dich in Achtsamkeit, es wird Dir gelingen Dich besser zu fokussieren und Du wirst lernen, dass eine Aktion nicht zwingend einer sofortigen Reaktion bedarf. Dies gilt für Aktionen von Außen ebenso wie für Gefühle. Das Leben wird entspannter, wenn es uns gelingt, einen gewissen Gleichmut zu entwickeln und nicht auf jede Emotion sofort zu reagieren. Es nimmt so viel Druck heraus, wenn man aufhört, ständig zu bewerten und zu erklären und sich regelmäßig daran übt, die Dinge und Gefühle anzunehmen und ständig neu wahrnehmen und hineinspüren zu dürfen, wie sich die Welt und man selbst anfühlt. 


Schließlich bist Du nicht Dein Körper. Du hast nur einen Körper, der Dich durch dieses Leben trägt. Dieser Körper eröffnet Dir, sämtliche Möglichkeiten dieser Welt zu erfahren und zu spüren. Ein guter Duft, ein warmer Windhauch, Sonnenstrahlen auf der Haut, ein leckeres Essen - um nur einige zu nennen. Yoga ist eine Möglichkeit, Deinen Körper neu zu spüren, ihn anders wahrzunehmen. Jeder Körper ist großartig und hat gewisse Vorzüge und gewisse Dinge, die uns suboptimal erscheinen. Erstere gilt es zu feiern und Letztere können wir vielleicht trainieren oder lernen zu akzeptieren, was uns nunmal gegeben ist. Ebenso verhält es sich mit Gedanken und Gefühlen. Entdecke Deine Selbstwirksamkeit. Lüfte die Schleier, guck hinter den Vorhang. 

Nimm Dir die Zeit! Es lohnt sich! Versprochen!    



 

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