Ahimsa


Eine regelmäßige Yogapraxis verändert Dich. Und das verändert alles!


Eine Geschichte zur Entwicklung von Ahimsa am Beispiel des gestrigen Abends


Ahimsa, Gewaltlosigkeit, gehört zu den Yamas aus dem Yogasutra des Patanjali. Wer Yoga praktizieren und leben möchte, versucht sich, so gut es geht an den Yamas und Niyamas zu orientieren. Es handelt sich um Verhaltensempfehlungen gegenüber anderen Menschen und uns selbst, die es erleichtern, den Yogaweg zu beschreiten. Ich glaube, dass es relativ einfach ist, dies alles umzusetzen, wenn man einsam in einer Höhle im Himalaya sitzt. Umgeben von anderen Menschen, wird das schon schwieriger. Wenn die Menschen, die einen umgegeben auch noch zur Familie gehören, dann ist das meines Erachtens Level 8 von 5 möglichen… aber lies selbst!


Seit ich vor drei Jahren begann, mir eine regelmäßige Yogapraxis aufzubauen - also ich meine, nicht nur die obligatorischen zwei, drei Stunden im Monat, die man praktiziert, weil man verspannt ist - muss ich oft schmunzeln, was nun bis heute aus mir geworden ist. Und wer mich kennt weiß, mein innerer Zyniker ist mein ständiger Begleiter. Wobei ich ihn schon länger nicht mehr mit dem bitteren Beigeschmack begrüße, sondern tatsächlich selber drüber lachen muss und mich ehrlich darüber freuen kann, was so alles ein Teil von mir ist. Aber es geht hier nicht um radikale Selbstakzeptanz. Kommt auch vom Yoga, aber dazu vielleicht ein anderes Mal.


Ich wollte von gestern Abend erzählen. Und von einer für mich wirklich schönen, interessanten und bedeutenden Veränderung, die in den letzten Jahren stattgefunden hat. Dazu muss ich - unter Umständen hast Du das vermutet - ein wenig ausholen, wie das alles damals so war. 


Rückblick


Vor drei Jahren kam ich also mal wieder aus Indien zurück. Diesmal ohne Delhi Belly, dafür heftigst mit dem Yoga Virus infiziert und felsenfest davon überzeugt, dass ich nur durch eine regelmäßige Praxis mein Seelenheil finden werde. Doch die Voraussetzungen dafür waren denkbar ungünstig. Zu diesem Zeitpunkt lebten wir zu dritt in einer Zweiraumwohnung von der ein Zimmer - nämlich das der Erwachsenen, mittlerweile besser bekannt als “Das Wohnzimmer”  - das Durchgangszimmer ist. Die Tagesabläufe waren so strukturiert, dass ich lediglich in der S-Bahn diese vielgepriesene “Zeit für mich” hatte. War ich allein mit meinem Sohn in der Wohnung und rollte die Matte aus - Eltern wissen, was jetzt kommt - ging die Tür auf “Mama…” Morgens eher aufstehen war auch keine Option, da ich derzeit eine “Youtube-Copy-Paste-Yogini” war und mein damaliger Freund ebenfalls in diesem Zimmer schlief (das tat er bis Kind und ich das Haus verließen). 


Möglichkeiten ins Yoga Studio zu gehen waren mangels Kinderbetreuung ebenfalls nicht vorhanden und - ganz ehrlich - das hätte ich mir gar nicht täglich leisten können. Mein Motto in diesem Jahr war “Kommunikation hilft”. Also habe ich geredet. Viel geredet. Und wurde auch - bestimmt grundsätzlich- verstanden. Aber vom kognitiven Verständnis zur realen Umsetzung ists ja häufig ein weiter Weg. 


So wurde ich zum Yoga Choleriker. Ich begann, regelrecht auszuflippen, wenn jemand das Zimmer betrat, obwohl ich doch angekündigt hatte dass ich …(hier bitte beliebige Dauer diverser Youtube Videos eingeben) Minuten für MICH ALLEINE in diesem Raum brauche. Und ich war wirklich sauer. Richtig. Und diese Wut ging lange nicht weg. War es wirklich so schwierig, mal eine halbe Stunde nichts aus der Küche zu brauchen? Einfach mal die Tür zu zu lassen? “Mach doch einfach weiter!!!!” “Du checkst es nicht, oder?????” So und noch viel übler waren die Wortgefechte, die daraus entstanden. Die Tür ging zu. Und knallte. Voller Wut und Groll! Ganze Tage waren ruiniert. Gelegentlich vor dem Mittagessen… 


Der Mann zog aus. Das Kind ist noch da.


Auch an dieser Stelle gab es Reibung. Aber sie wurde weniger. Letztes Jahr ungefähr um diese Zeit war es nur noch ein “Echt jetzt?” das ich von mir gab, wenn ich im Savasana lag, die Tür aufging und so derart wichtige Dinge gefordert wurden wie “Mama, ich brauch ein Ladekabel” oder “Wann bist du fertig?”. Ohne Wut, Hass und Zorn. Einfach nur: “Echt jetzt?” Mein innerer Zyniker murmelte in diesen Momenten oft: “Ist es nicht schön, wenn man gebraucht wird?” Dann lachen wir beide. 


Und was war gestern?


Gestern Abend fand mein “Meditation und Pranayama Kurs” statt. Hat das Christkind gebracht. Jedem hab ich das erzählt. Weil ich mich so gefreut habe. Vielleicht auch, damit mich keiner stört - so unterbewusst. Das Handy war auf lautlos, die Kerzen brannten, das Internet funktionierte. Sogar an meine Decke hatte ich gedacht. Ich versank in mein Inneres, Diana, die den Kurs leitet, sagte am Bildschirm: “Lass los.” Und ich war voll dabei - dann...KLINGELTE ES AN DER TÜR!!! 


Und ich? 


Ich stand auf und öffnete. Vor der Tür stand der Nachbarsjunge, der Kuchen vorbei brachte. “Danke, Du, ich hab grad meinen Meditationskurs”, sagte ich. “Ich hab Geburtstag”, erwiderte er. “Hey! Alles Gute!!!” wünschte ich ihm. Mit einem strahlenden, ernstgemeinten Lächeln. Er ging nach unten. Mein Sohn kam aus dem Bett gekrabbelt. “Mama, was war los?” fragte er. “Der Nachbar war da und hat Kuchen gebracht. Er hat Geburtstag”, antwortete ich. “Darf ich runter gehen und ihm gratulieren?” wurde ich gefragt. “Klaro. Aber nimm den Schlüssel mit. Ich geh wieder zu Diana, ok?” “Ok. Viel Spaß.” erwiderte er.


 

Und ich ging zurück auf meine Matte. Und ließ los. Einfach so. Mit einem Lächeln auf den Lippen und im Herzen. 



 

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